Tuesday, November 29, 2011

Hans von Storch: Vortrag zum 80. Geburtstag von Klaus Hasselmann

Heute in der Printausgabe der FAZ (und hier im Netz) der Abdruck eines langen Vortrags von Hans von Storch anlässlich eines Symposiums zum 80. Geburtstag von Klaus Hasselmann, dem ehemaligen Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg. Unter dem Titel: "Eine Wissenschaft in der Falle der eigenen Wirklichkeit" legt Hans von Storch ausgehend von der Geschichte des MPI seinen Blick auf die Geschichte der Klimaforschung dar. Hier der Aufmacher der FAZ:
"Die Hypothese, dass der Mensch das Klima verändert, brachte die Klimaforschung auf den Gedanken, der Menschheit notwendige Verhaltensveränderungen vorschreiben zu wollen. Ein kritischer Rückblick auf den Welterfolg eines Faches".
Dieser Rückblick fällt, wie der perlentaucher treffend formuliert, "bemerkenswert selbstkritisch" aus und mache deutlich, wie sich "die Klimaforschung in der Falle ihrer gesellschaftlichen Relevanz verheddert".

Was damit gemeint ist, macht folgendes Zitat deutlich:

"Die Einbettung von Wissenschaft in einen gesellschaftlichen Kontext wird zum Gefängnis, wenn die Nützlichkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse für eine bestimmte Politik in den Vordergrund tritt, die Angst vor vermeintlichem Missbrauch durch politische Feinde die Feder führt. Dann werden einige Gedanken inopportun und a priori unplausibel, aber andere opportun und a priori plausibel."
Aus seiner Zusammenarbeit mit  Nico Stehr benennt Hans von Storch den Klimadeterminismus als eine dieser Fallen, in welche die Klimaforschung fast naiv hinein stolperte:
"Das demokratische System hat nur noch zu vollziehen, und wenn es das nicht tut, dann sind die Leute blöd". 
Dass auch Wissenschaft und Wissen kulturellen Faktoren und Praktiken unterliegt, zeigt er mit Verweis auf Ludwig Fleck auf, der 1939 feststellte: "Was Wissen ist, wird von dem jeweiligen kulturellen und sozialen Kontext festgelegt". Ein Beispiel dafür sind die Fallen, die der Zeitgeist auslegt:
"Aus dem Triumph, dass man Treibhausgase als Ursachen braucht, wurde der Niedergang der Eisbären"
"Dagegen können wir nicht wirklich etwas tun", so von Storch,
"Aber wir können uns darüber klarwerden, wie dieser soziale Prozess des Wissensschaffens konditioniert wird durch kulturelles Wissen; wir können versuchen, dem Anspruch der Objektivität näherzukommen."
Im weiteren Verlauf sagt von Storch voraus, dass sich eine Arbeitsteilung in der Klimaforschung herauskristallisieren wird:
"Insofern wird sich die naturwissenschaftliche Klimaforschung auf legitim neugiergetriebene Fragen, etwas zur Erdgeschichte, fokussieren, während eine de facto ingenieurwissenschaftliche Richtung sich auf klimatechnische Fragen kaprizieren wird: Ableitung von Szenarien, Klima-Monitoring, lokale und regionale Anpassung und Kliamsteuerung. Dazu wird sich eine aktive, anwendungsorientierte sozial- und kulturwissenschaftliche Klimaforschung entwickeln."
Die weitere Entwicklung des Klimawandels und die Fähigkeit der Gesellschaften damit umzugehen sieht Hans von Storch verhalten  optimistisch. Aber natürlich ist auch er gefangen in einem "jeweiligen kulturellen und sozialen Kontext".  Den er allerdings am Beispiel der Sozialgeschichte der naturwissenschaftlichen Leistungen von Klaus Hasselmann, der Geschichte des MPI für Meteorologie in Hamburg  und seiner eigenen Karriere als Klimaforscher bemerkenswert offen darlegt. Für Anhänger der klimazwiebel lohnt sich heute auf jeden Fall der Gang an den Zeitungskiosk!

27 comments:

Hans von Storch said...

Ich fand diese Formulierung im Perlentaucher interessant und passend:
In der FAZ sagt der Klimaforscher Hans von Storch einen Klimawandel in der Klimaforschung an.
Der einführende Satz "Die Hypothese, dass der Mensch das Klima verändert, brachte die Klimaforschung auf den Gedanken, der Menschheit notwendige Verhaltensveränderungen vorschreiben zu wollen. Ein kritischer Rückblick auf den Welterfolg eines Faches" stammt übrigens von der Redaktion, nicht von mir. Hätte ich aber gerne so formuliert.

Reiner Grundmann said...

Tja, das sind Edelfedern, die polieren Perlen.

Phillip said...

Hallo,

kann man den Abdruck des Vortrags dann auch irgendwo nachlesen, ohne das man die FAZ käuflich erwirbt?

Hans von Storch said...

Der Artikel ist jetzt online:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/klimaforschung-eine-wissenschaft-in-der-falle-der-eigenen-wichtigkeit-11544483.html

Hans von Storch said...

Annette Wippermann, Tochter von Professor Friedrich Wippermann (Nachruf, S. 96), einem bedeutenden Meteorologen der Nachkriegszeit, schreib mir diesen Brief als Reaktion auf meinen Beitrag "Eine Wissenschaft in der Falle der eigenen Wichtigkeit" in der FAZ 29.11.2011 vom

Widerspruch! Das war mein Gedanke nach der Lektüre Ihres interessanten Essays in der heutigen FAZ. Aber dazu später.

Sie beschreiben die Entwicklungen des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg unter Leitung von Klaus Hasselmann. Darin wiedererkannt habe ich die Ausführungen meines Vaters zum Thema Klimaforschung, in unzähligen Diskussionen hat er versucht seiner renitenten Tochter das stochastische Klimamodell und später das dynamische Klimamodell zu erläutern. Immer wieder zeigte er mir auf, dass die Klimasimulation über die Strömungsphysik der Ozeane und der Atmosphäre getrennt berechnet werden könnten, aber noch nicht in der wechselseitigen Abhängigkeit. Ich weiß nicht, ob dieses Problem mittlerweile gelöst ist, vielleicht habe ich aber auch schon damals die Ergebnisse nicht mehr vermittelt bekommen, da die Gespräche mit meinem Vater dann andere Schwerpunkte hatten.

Aber im Grunde blieb mein Vater lange Jahre dem stochastischen Modell bzw. einem natürlichen Klimaschwankungsmodell verhaftet und lehnte damit die Theorie von menschengemachten Einflüssen auf das Klima ab. Je mehr er sich der naturgegebenen Argumentation verschrieb je erbitterter wurde meine Gegenargumentation. Dabei trafen wir uns auf ganz unterschiedlichen Ebenen: dort der Naturwissenschaftler und Physiker, hier die Schülerin, Studentin und spätere Sozialwissenschaftlerin. Für mich war die gesellschaftliche Relevanz schon immer im Vordergrund und eine Forschung, die sich aus reiner Neugier mit der Lösung komplizierter physikalscher oder mathematischer Tüfteleien beschäftigt ein netter Zeitvertreib irgendwelcher Nerds.

Das war übrigens eine der großen Gemeinsamkeiten meines Vaters und mir – auch wenn er (zumindest anfangs) den Klimawandel nicht als menschgemachte Größe verstand, so hat er sich doch immer wieder mit dem Thema einer gesellschaftlichen Relevanz von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auseinandergesetzt. Jahrelang hat ihn das Thema der Chaostheorie und die Übertragbarkeit auf gesellschaftliche Phänomene beschäftigt.

Fortsetzung im nächsten Comment.

Hans von Storch said...

Fortsetzung des Breifs von Annette Wippermann:

Die Thesen zum menschgemachten Klimawandel durch Treibhausgase und den Folgen einer globalen Erderwärmung werden von Ihnen als im selbstgewählten Käfig der Wissenschaft determinierten Theorie abgetan. Es wird als Falle bezeichnet, dass durch die Forschung zum Klimawandel mit all seinen Folgen die Wissenschaft politisch vereinnahmt wurde. Aber
reicht der lapidare Satz „ Ich habe nicht den Anspruch, die Welt zu retten“ aus, um sich der politischen Verantwortung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu entziehen?

Es folgt dann eine nüchterne Aufzählung der derzeitigen Fakten wie, dass die Emissionen 2010 stärker angestiegen sind, denn je zuvor, aber gleich darauf beruhigen Sie den Leser, dass der „Hype um katastrophale Entwicklungen sich schon von alleine legen wird“. Worum geht es Ihnen? Soll eine in Ihrem Sinne gestaltete Klimaforschung nur diagnostizieren, aber Vorschläge zur Therapie verweigern? Oder sind Sie Anhänger einer sogenannten Alternativtherapie, d.h. sie glauben die Heilung wird schon durch Selbstregulierung funktionieren? Sie beschreiben sich selbst als Optimisten und glauben an einen Siegeszug der Vernunft. Den Sie jedoch einen Satz später mit Blick auf die Geschichte gleich wieder in Frage stellen.

Soll die Klimaforschung zurück in den Elfenbeinturm und sich „auf legitim neugiergetriebene Fragen, etwa zur Erdgeschichte fokussieren“? Ist nicht gerade der Wille zur Weltverbesserung der entscheidende Motor, der uns treibt? Ziehen wir nicht genau daraus die Kraft und das Engagement dem globalen Klimawandel und seinen Folgen etwas entgegenzusetzen? Warum sonst sollten sich wie zurzeit 192 Nationen in Durban treffen?

Wissenschaft steht immer in einem sozialen und kulturellen Kontext und muss sich gegen eine einseitige Vereinnahmung behaupten, Wissen kann handlungsleitend sein, muss es aber nicht, wie wir in der derzeitigen Finanzkrise gerade wieder erfahren.

Ich finde, Ihre Haltung des offensiven Anti-Weltverbesserers für „gefährlich“, um in Ihrem Sprachduktus zu bleiben. Was haben wir als Gesellschaft von einer Wissenschaft, die sich der reinen Neugier verschreibt?

Aber ich bin Ihnen auch sehr dankbar. Denn die Auseinandersetzung mit diesem Essay von Ihnen und damit auch nochmal rückblickend mit der Geschichte langer, zumeist kontroverser Auseinandersetzungen mit meinem Vater hat mir eine große Gemeinsamkeit von ihm und mir verdeutlicht: im Grunde unseres Herzens haben wir beide eine bessere Welt gewollt und dafür argumentiert.

Ich hoffe sehr, dass Sie mit Ihrem optimistischen Szenario unserer Zukunft Recht haben werden und dass tatsächlich die Vernunft sich durchsetzen wird – ich wünschte, ich könnte diesen Optimismus so teilen.

Sie sehen das Wetter ist ein Thema seit meiner Geburt.


Ende des zweiteiligen Beitrages von Annette Wippermann

Werner Krauss said...

Frau Wippermann, Sie schreiben hier als Tochter und weisen damit auf etwas hin, das so offensichtlich ist, dass man es gar nicht mehr sieht: Klimaforschung ist fast ausschlielich männlich. Das Klima und das Wetter, das wir diskutieren, ist männlich konnotiert. Danke dafür, das könnten wir mal (wieder) klimazwiebeln.

Reiner Grundmann said...

Frau wippermann beruerht einen zentralen Punkt: was macht ein Wissenschaftler, der meint etwas Alarmierendes gefunden zu haben?
Er schlaegt Alarm und macht Vorschlaege. Aber um Veraenderungen zu erreichen, muss man wissen, wie die Gesellschaft funktioniert und da sind Wissenschaftler Laien. Sie sollten am Willensbildungsprozess in der Demokratie teilnehmen, wie andere Buerger auch. Hans von Storch sagt, sie haben zu viel Aufmerksamkeit, die ihnen selbst nicht guttut. Da ist was dran.
Eigentlich sollte Frau Wippermann die eigene Profession der Sozialwissenschaften stark machen, denn die erforschen wie gesellschaftliche Steuerung funktioniert.
Damit soll nicht gesagt sein, dass dies die Experten seien, denen man blind vertrauen soll. Aber deutlich mehr Einluss als bislang ist angesagt. Der oeffentliche Diskurs wird leider von wissenschaftlichen Szenarien bestimmt, die uns keine Leitschnur zum Handeln geben. Sie fuehren uns immer wieder vor die unproduktive Frage: glaubst du an Klimawandel?
Simon Kuper hat einen sehr lesenswerten Kommentar dazu in der
Financial Times

Anonymous said...

Hallo, Herr Grundmann, ich setze noch einen drauf:

Wenn ein Wissenschaftler meint, etwas sehr Besorgnis erregendes festgestellt zu haben, ist es dann nicht sogar seine staatsbürgerliche Pflicht, sich in der politischen Debatte zu engagieren?

Ist jemand, der einen Brand sieht und "Feuer" ruft, ein "Alarmist"?

Andreas

Freddy Schenk said...

#8: was macht ein Wissenschaftler, der meint etwas Alarmierendes gefunden zu haben?
Er schlaegt Alarm und macht Vorschlaege.

Mit den Vorschlägen ist dann aber so eine Sache - würde es nicht reichen, wenn der Wissenschaftler der Gesellschaft glasklar das Problem erklären würde, dass es jeder versteht?

Dann könnten viele andere selbst Vorschläge zur Lösung entwickeln, die ggf. auch legitimiert sind.

Der Wissenschaftler wäre also in dem Fall neben der Forschung eben wieder in der (Allgmein-)Bildung als guter "Lehrer" (Aufklärer) gefragt.

Ein gutes Beispiel ist der Film "Inception" - wenn man Menschen wirklich fundamental in ihrem Handeln ändern will, muss man ihnen einen Gedanken so einpflanzen (und zwar von Begin an = inception), dass diese meinen, es wäre ihr eigener - d.h. man muss den Menschen dazu verhelfen, etwas aus sich heraus zu verstehen, um eine Handlung dauerhaft zu stimulieren.

Nicht zuletzt könnte der Klimaschutz daher vielleicht (auch) eine psychologisch-pädagogische Lösung haben?

Werner Krauss said...

Freddy, Reiner & Andreas:

Jetzt machen wir mal einen schönen Stuhlkreis, fassen uns an den Händen und rufen gemeinsam:

"E-E-ENERGIEWENDE! MI-MI-MITIGATION! A-A-Adaption!!!

Na, hat das gut getan? Prima. Und nun los, Ihr Racker, raus auf die Straße mit Euch, Gesellschaft verändern!

Werner Krauss said...

Hier der link zu dem Simon Kuper Artikel in der Financial Times, den Reiner oben erwähnte:

http://www.ft.com/intl/cms/s/2/6c7263f0-1589-11e1-b9b8-00144feabdc0.html#axzz1fH7WgK13

Reiner Grundmann said...

Andreas #9

jemand, der ein Feuer sieht, ruft entweder die Feuerwehr oder loescht selbst wenn moeglich. Rufen alarmiert andere etwas zu tun. Bei einem Grossfeuer kann nur die Feuerwehr etwas tun, alle anderen bringen sich in Sicherheit. "Feuer" rufen wirkt dann peinlich.

Reiner Grundmann said...

Andreas
staatsbuergerliche Pflicht ist sehr dick aufgetragen. Das hat Paul Crutzen zum Alarmismus gesagt (nach der Entdeckung des Ozonlochs):
"Wir sind als Wissenschaftler »gesplittet« – man muß warnen, man will aber nicht
immer »Katastrophe« rufen. Denn wenn man das zuviel tut, hört am Ende keiner
mehr zu. Auf der anderen Seite: Man warnt, aber man weiß zu gleicher Zeit auch, daß man mit Sicherheit nicht alles weiß. Man kann die Probleme über- und
unterschätzen. Das plötzliche Auftreten des Ozonlochs hat letzteres bewiesen.
Eine schwierige Situation für die Wissenschaft."
(Paul Crutzen in Die Welt, 23.10.1989)

Anonymous said...

Sehr geehrter Reiner Grundmann,

ok, "staatsbürgerliche Pflicht" war in der Tat dick aufgetragen. Gemeint war, dass ich es begrüßenswert halte, wenn man sich in der Demokratie aktiv einbringt. Ich begrüße die aktive Teilnahme von jedermann in der Klimadebatte, natürlich auch von Wissenschaftlern.

Nein, Leute, die vorschnell "Katastrophe" rufen, schätzt niemand. Ich verurteile eine Art von Alarmismus, die Katastrophenszenarien jenseits wissenschaftler Erkenntnis entwirft und verbreitet, darin sind wir uns einig.

Was mich nur wundert, ist folgendes:
Mein Eindruck ist, dass dieser Punkt einer der Schwerpunkte des Klimazwiebel-Blogs ist. Ist dies aber ein real existierendes Problem? Es mag ja Einzelfälle geben, mir ist im Augenblick aber keines präsent. Möglicherweise war das in der "Vor-Climategate"-Zeit mal anders. Mein Gefühl ist, die Debatte ist sachlicher und besser geworden, etwas Positives brachte "climategate" vielleicht doch.

Viele Grüße
Andreas

Georg Hoffmann said...

@Reiner Grundmann

""Feuer" rufen wirkt dann peinlich."

Das waere sicher meine erste Sorge angesichts eines Grossfeuers.

"Hach, meine Feuerrufe sind wieder dermaszen peinlich ruebergekommen"

Anonymous said...

@ Georg Hoffmann

Bleiben wir doch im Bild und verfeinern es etwas:
Es ist nun ein Feuerwehrmann, der einen Großbrand erblickt. Was soll er tun? Welch Dilemma!

Natürlich ist ihm klar, dass er in der Öffentlichkeit qua Amt als befangen gelten könnte. Dass seinen Aussagen in der Öfftentlichkeit mehr Gewicht beigemessen wird als bei Feuerrufen von anderen Bürgern.
Dass sein Verdienst auf der Existenz von Bränden basiert.
Dass es in der Tat schon Feuerwehrleute gab, die mutwillig Brände ausgelöst haben, bzw. beim Anblick eines Teelichts den Alarmknopf betätigt haben.

Ende offen ;-)

Werner Krauss said...

Meine Herren, mir scheint, mit der Feuerwehrdebatte sind Sie ca. fünf bis zehn Jahre zu spät dran. Wir befinden uns heute schon ganz woanders. Es geht nicht mehr ums Alarmieren und "sofort die Welt retten", sondern um die Etablierung einer vernünftigen Klimapolitik. (Wir befinden uns in Deutschland übrigens bereits mitten in einer Energiewende!).

Der Alarmismus der Klimawissenschaften hat ja durchaus negative Züge, politisch gesehen, wenn er als politische Vorgabe gesehen wird. Alles starrt auf Durban und ist dann wieder deprimiert, weil dort keine Lösung gefunden wird, wie 192 Länder dazu gebracht werden können, ab sofort mit Treibhausgasaustoß aufzuhören. Solcherart Erwartungen folgen aus einem falschen Alarmismus und führen zu komplett irrationalen Erwartungen und zu schlechter Politik.

Da will ich doch statt nach der Feuerwehr zu rufen lieber Oliver Geden aus der TAZ zitieren:

"Die EU wird Klimapolitik in Zukunft vorrangig als "Politik" begreifen und präsentieren müssen, weniger als Sphäre einer möglichst effizienten Umsetzung naturwissenschaftlich definierter Vorgaben. Statt sich vom deterministischen Steuerungsoptimismus der Klimaforschung und der Umwelt-NGOs unter Druck setzen zu lassen, muss die EU die Handlungsbeschränkungen des internationalen Systems ernst nehmen und offensiv dazu stehen, dass "optimale" Politikkonzepte auch in der Klimapolitik nicht zu verwirklichen sind."

Klingt etwas arg staatsmännisch (und: warum immer auf die NGOs?), aber ist wenigsten auf der Höhe der Zeit. Die Energiewende wurde von der CDU ausgerufen. Von der CDU!!!! Ja, wer bleibt denn da noch zum alarmiert werden? Niemand!

Oliver Geden und Hans von Storchs Aufsatz, um den es hier ja geht, weisen beide in dieselbe Richtung. Und die ist eben nicht, den Klimawissenschaftler nochmal als Feuerwehrmann und Politikbestimmer aus der Mottenkiste zu holen (fünf Jahre sind heutzutage schon gefühlte Eigkeiten-). Sondern die Energiewende durchsetzen, Deutschland und Europaweit, einen deal mit USA und China machen etc etc...
Ja, das dauert. Weltretten ist harte Arbeit. Vielleicht, wie ich heute morgen schon vorgeschlagen habe, bißchen raus auf die Straße, Radau und Politik machen, richtige Partei wählen, Wissenschaft verändern - anstatt blöde 'social engineering' und Weltrettungs- Fantasien zu pflegen, diese kleinen Schwestern des Klimadeterminismus!

Und die Feuerwehr, die rufen wir, wenns irgendwo brennt. Abgemacht.

Anonymous said...

Ja, die Texte von Oliver Geden sind schon klasse und weisen den Weg in die Zukunft, keine Frage.

Die Zukunft deshalb, weil sich die Hoffnungen auf international koordinierte CO2-Reduktionspolitik als unrealistische Träumerei entpuppen und wir daher vor der Frage stehen, wie man die Scherben am besten kitten kann. Diese Frage beantwortet Oliver Geden überzeugend.

Leider ist Gedens Plan B zugleich das Eingeständnis, dass Plan A (Erreichung eines 2°-Ziels, wohl nur mit top-bottom-Ansatz erreichbar) gescheitert ist, was mich etwas depressiv stimmt.

Geden ist halt etwas für Verlierer.

Andreas

ghost said...

@Reiner #11

etwas sehr ähnliches schrieb auch Stephen Schneider. Was aus seiner Aussage von Leugnern (Skeptiker waren das nicht) daraus gemacht wurde, ist bekannt. Sie unterstellten ihm Betrug und gaben dafür sein Zitat an, meist sogar verkürzt und entstellt. Naja...

Reiner Grundmann said...

Werner #18
Alarmismus wird immer noch gebraucht als Rechtfertigung fuer die Klimawende. Warum sonst wuerde Schellnhuber von der Pflicht zum Warnen sprechen? Warum sonst wuerde Rahmsdorf unliebsame Journalisten drangsalieren?

Wir diskutieren verschiendene threads im Eintopf, Hasselmann, Schellnhuber, Geden... aber was soll's!

Deshalb der link zur neuesten Entwicklung in Sachen Unterlassungsklage Meichsner gegen Rahmsdorf:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,796623,00.html

Nicht grade nett, wie da berichtet wird. Sollten R. und das PIK etwa Spuren verwischt haben? Wird R. demnaechst dem Spiegel eins draufhauen?

Wir sind gespannt.

Georg Hoffmann said...

@Werner

"Klingt etwas arg staatsmännisch (und: warum immer auf die NGOs?), aber ist wenigsten auf der Höhe der Zeit. Die Energiewende wurde von der CDU ausgerufen. Von der CDU!!!! "

Immer obacht mit der Zahl der Ausrufezeichen.
http://www.brainyquote.com/quotes/quotes/t/terrypratc137343.html

Koennte natuerlich auch sein, dass der Wandel von naturwissenschaftlichen Vorgaben (boese) zu politischen Rahmenbedingungen (gut) einfach nur eine sehr vornehmer Ausdruck dafuer ist, das ganze Thema so schnell wie moeglich zum Verschwinden zu bringen ist.

Werner Krauss said...

oh boy, that was close - four exclamations marks only. Puh!

Jaja, das Thema verschwinden lassen, so sind sie, die Schlawiner von der CDU.
Lass uns eine Revolution anzetteln, Georg, auf die Straße gehen!Es reicht! Die Verhältnisse umstürzen, und zwar: subito!!!!! Sollen wir in Bochum anfangen (ehemals hoher CO2 Ausstoß, heute schlechter Fußball)?

Werner Krauss said...

@Reiner #21

Ja, Themeneintopf. Das Thema? "Eine Wissenschaft in der Falle ihrer eigenen Wichtigkeit". Wir umkreisen hier auf diesem thread das Thema so wie das Unbewusste vor sich hin assoziert - vom Tochter sein zu Alarmismus, von Durban zu climategate, von der Notwendigkeit und / oder der Hysterie des Alarmismus bis hin zu Gerichtsverfahren sondieren wir das Terrain. Wir sind angeschlossen an das System Klimawandel, mit Haut und Haaren.

Ich habe das weiter oben ein "nervöses system" genannt. Wir sind da alle drin verstrickt. Wir lesen täglich, wie in dieser Debatte Karrieren gemacht, manipuliert, abgesprochen und zerstört werden. Und sind selbst aktiver Teil dieser riesigen Maschinerie. Nicht dabei sein geht nicht, sonst wird man vergessen. Dabeisein heißt Kopf und Kragen riskieren - siehe climategate, Verleumdungsklagen, Rufmord in der blogosphäre.

Daher gehört auch der Fall Rahmstorf / Meichsner hierher. Wieder kann man jemand abschlachten, der selbst jemanden attackiert hat, die wiederum auch ....etc etc. Man kann diesen Fall als Symptom eines Systems sehen, in dem alle auf Hochspannung sind und aufpassen müssen, dass sie einerseits den Anschluss halten (sonst sind sie draußen) und andererseits sich nicht verbrennen.

Und dann gehts ja auch noch um etwas, den Klimawandel. Der großen Angst, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt. Im privaten wie im globalen. Nicht nur "die Wissenschaft" droht an ihrer eigenen Wichtigkeit zu zerbrechen. Willkommen in der Gegenwart!

Hans von Storch said...

Klaus Hasselmann reagierte auf die FAZ Veröffentlichung - ich gebe das hier mit seiner freundlichen Erlaubnis wider:

Dein FAZ Beitrag habe ich mit Interesse gelesen, auch wenn ich natürlich bei vielen Sachen anderer Ansicht bin. Aber einige Mißverständnisse bezüglich des Werdegangs des MPI sollte ich doch korrigieren:

1) Es war von vornherein seitens der MPG und auch mir klar, dass das Klimaproblem zentrale Aufgabe der Arbeit des MPI sein sollte. Lüst war ja beraten von Bolin, Flohn und Junge, allesamt starke Befürworter einer stärkeren Klimaforschung, nicht zuletzt wegen der steigenden gesellschaftlichen Relevanz. Gleichzeitig war uns allen klar, dass es eine Problem der Grundlagenforschung war, nicht ein Problem der angewandten Forschung.

2) Man hat von vorherein von der MPG erwartet, dass ich einen Großrechner als Teil meiner Berufungsverhandlungen fordern würde. Ich habe dies aber gleich auf später angekündigt, da wir erst mal besser das Klimasystem verstehen müßten, bevor wir auwändige Modelle rechnen könnten. Aber das Ziel, diese Modelle zu entwickeln, und später neben dem Großrechner auch einen weiteren Direktor anzuheuern, der mich dabei unterstützen konnte, hatte ich von Anfang an mit Lüst per Gentleman's Agreement abgesprochen.

3) Das stochastische Modell habe ich in der Tat einfach aus Neugierde über die Ursache der natürlichen Klimavariabilität entwickelt, noch bevor das MPI gegründet wurde. Es kam mir aber gelegen, da ich dann gleich einige Doktoranden nutzbringend beschäftigen konnte. Und es paßte natürlich gut in meine allgemeine Strategie für das MPI..

4) Über das Detection and Attribution Problem habe ich aber gleichzeitig nachgedacht, weil es offensichtlich zentral für unsere Strategie war. So habe ich auch die Basisarbeit bereits 1979 geschrieben, lang bevor wir dann Anfang der 90er Jahre die Fingerprintmethoden angewandt haben, als wir inzwischen genug Daten und Modellrechnungen hatten, um sowohl das Signal als auch das Rauschen abzuschätzen.

5) Mit sozioökonomischen Modellen habe ich mich beschäftigt, weil ich es einfach ein interessantes Problem war, festzustellen, wir die Wirtschaft am besten auf die Herausforderung des Klimwandels reagiert - und weil ich meinte, dass die Standardmodelle der Ökonomen das Wesentliche des Problems nicht erfassen. Deshalb habe ich auch die Errichtung des PIK und des Michael Otto Lehrstuhls in Hamburg angestoßen. Auch wenn Du meinst, dass PIK manchmal etwas zu "alarmistisch" wirkt, erfüllt PIK doch eine wichtige Aufgabe, nämlich auf die Größenordnung, die Zeitskalen,usw des Problems hinzuweisen. Ohne das von Schellnhuber propagierte 2-Grad Ziel als Richtgröße und die von ihm immer wieder. ins Gespräch gebrachten per capita CO2- Budgetgrenzen würde die Politik völlig schwimmen.

6) Es genügt nicht, dass die Wissenschaft auf ein Problem hinweist, sie muss sich auch mit möglichen Lösungsansätzen auseinander setzen. Natürlich muss man sich dann mit Problemen der Ethik, der Gerechtigkeit, der unterschiedlichen Lebensauffassungen, der "richtigen Physik" , usw auseinandersetzen. Aber wozu hat man denn einen Kopf und ein Herz, wenn man sich nicht gemeinschaltlich mit anderen über diese Grundfragen der Menschheit auseinandersetzt? Die Wissenschaftler - wie alle verantwortlich denkenden Menschen - sollten sich nicht aus der Verantwortung schleichen. Siehe die Nachfolge der Weimarer Republik.

Hans von Storch said...

Von einem Beobachter der Gründung des MPI in den 1970er Jahren wurde mir jetzt noch mal bestätigt, dass die Ausrichtung auf Fragen des menschgemachten Klimawandels, und seiner Unterscheidung vom natürlichen Änderungen, in der Tat von Anfang an avisiert war. Mein Verdacht einer nachträglichen Rationalisierung in meinem Artikel ist also unzutreffend.

Hans von Storch

FRauser said...

Ein interessanter Kommentar, sowohl von Hans von Storch als auch die Antwort von Klaus Hasselmann.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie die "Gefahr der gesellschaftlichen Relevanz" fuer die neueste Wissenschaftlergeneration zu werten ist, die interdisziplinaeren Doktoranden, Physiker, Geologen, Geographen, Biologen, usw. Viele von uns sind aus den Fachdisziplinen in die Klimawissenschaft gewechselt WEIL sie gesellschaftlich relevant ist. Das bedeutet nicht, dass jeder glaubt, er koennte die Welt retten, aber dass die Hoffnung besteht durch gute Wissenschaft bessere Entscheidungsgrundlagen fuer eine aufgeklaerte Zivilgesellschaft zu liefern.
Gleichzeitig wurde waehrend unserer wissenschaftlichen Ausbildung explizit darauf wert gelegt, die Rolle und potentielle Interessenkonflikte des Wissenschaftler bewusst wahrzunehmen (siehe z.B. The Honest Broker).

Waehrend ich -mangels Erfahrung - also nicht genau beurteilen kann, wie sehr das Beduerfnis nach gesellschaftlicher Relevanz die wissenschaftliche Arbeit in den letzten Dekaden wirklich beeinflusst hat, so bin ich mir doch relativ sicher, dass dieses Problem in unserer Wissenschaftlergeneration sehr praesent ist; praesenter, so habe ich das Gefuehl, als in vielen anderen Wissenschaftszweigen.

Ich finde die hier angestossene Diskussion zwar wichtig, bin mir aber nicht ganz sicher, ob sie hauptsaechlich in der Oeffentlichkeit oder eben wissenschaftsintern gefuehrt werden sollte. Es schadet aber sicherlich nicht, der Oeffentlichkeit mitzuteilen, dass sich Wissenschaftler auch darueber Gedanken machen.

Florian Rauser