Wednesday, May 9, 2012

Roger Pielke jr. über Energiewende und ehrliche Makler

"Prekärer Expertenrat - Was Wissenschaftler in der Klimadebatte leisten können": Tolles Interview auf deutsch mit Roger Pielke jr. auf nzz-online über die Energiewende, den "honest broker" - der hier zum "aufrechten Makler" wird -  und die Rolle von Expertenkommissionen. Der "honest broker" sind viele; der einzelne Experte wird zu sehr von seinen Emotionen und Neigungen geleitet. Der "ehrliche Makler" ist vielmehr als ein Gremium zu verstehen, das mit Experten mit unterschiedlichen Sichtweisen besetzt ist. Das führt zu einem spannenden Gespräch, denn auch Roger, der science & policy Experte, hat durchaus eine Meinung, zum Beispiel zur Energiewende in Deutschland:


Heute ist es leicht, darüber zu reden, man wolle aus der Kernkraft aussteigen und CO2-Emissionen verringern. Aber in den kommenden zehn Jahren werden sich die Ziele als unvereinbar herausstellen. Darauf wird die Politik dann reagieren müssen.
Nun hat aber ein Gremium, eine Expertenkommission - wie von Roger gefordert - darüber "ehrlich gemakelt". Oder wurden die Experten nur einberufen, um die Entscheidung der Politik zu legitimieren? Um dieses Dilemma zu umgehen, empfiehlt Roger einen dritten Weg jenseits von Ja oder Nein:
Eine Expertenkommission besitzt mehr Legitimität, wenn sie bloss berichtet, welche Risiken und Kosten es im Vergleich zum Nutzen gibt – je nachdem, welchen Weg man einschlägt. Die Kommission gibt diese Einschätzung den Entscheidungsträgern, und die entscheiden dann. Dieser Ansatz macht den Unterschied zwischen Ratschlag und Entscheidung sehr klar. Und er macht die Verantwortlichkeit klar.
 Und die liegt bei der Politik. Doch wie ist es mit der Ethik - kann man da immer Kosten und Nutzen aufrechnen? Und kann man eigentlich Sachverhalte völlig neutral auflisten, oder verschiebt man da die "Meinung" der Experten eben nach hinten, in die Details der Kosten- bzw. Nutzenaufstellungen, die ja auch wiederum ein Urteil voraussetzen....? Viel Stoff zum Nachdenken über den Schutzheiligen der klimazwiebel, den "honest broker"!

18 comments:

sil_beck said...

Schöner Beitrag, as always.

Aber: wie universal ist denn der „honest broker“? Ich habe mich viel mit deutschen Expertenkommissionen beschäftigt und mich immer gefragt, wie es denn mit der germanischen Vorliebe für Konsense besteht. In der Regel besteht die (latente) Funktion dieser Experten-Kommissionen darin, politischen Konsens zu beschaffen bzw. vorzubereiten (siehe zusammen fassend mein Beitrag in http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wcc.151/full.),
Wenn Experten versuchen, mit einer Stimme zu sprechen, ist das denn mit dem "honest brokering" vereinbar? Oder läuft das nicht automatisch auf eine „stealth advocacy“ hinaus? Oder gibt es denn Hybrid-Formen, wie sie O. Edenhofer vertritt: bedeutet "honest brokering", dass Experten dann, wenn das politische Ziel (Ausstieg aus der Atomenergie, 2-Grad-Ziel) feststeht, die Alternativen in Gestalt von unterschiedlichen Wegen aufzeigen?
M.E. hat die Frage nach der Legitimität noch eine weitere Dimension: Diese hängt maßgeblich auch davon ab, wer in diesen Kommissionen sitzt, wen diese Experten repräsentieren und nicht zuletzt wie diese rekrutiert werden. Im Falle der Ethikkommission werden diese sozusagen "hinter verschlossener" Tür von der Kanzlerin gewählt. Das Auswahl-Verfahren und die Arbeit der Ethik-Kommissionen sind meines Wissens nicht öffentlich transparent, zugänglich und „accountable.“ Hat das Auswirkungen im Hinblick auf die Legitimität der Arbeit? Sind Fragen nach der politischen Repräsentativität und Delegation obsolet, wenn die Spannbreite der Optionen abgebildet wird?

Reiner Grundmann said...

Silke
ich habe mich auch oft gefragt, warum Roger die deutschen Enquetekommissionen als Beispiel für ehrliches Maklertum anführt. Diese sind ja nach Parteienproporz besetzt und insofern politisch ausgerichtet.

Konsens als Ziel und ehrliches Maklertum sind zwei verschiedene Dinge, sie müssen sich aber nicht ausschliessen. Ein Expertengremium kann darin übereinstimmen, über die Güte der vorgeschlagenen Optionen uneinig zu sein.

Dann gibt es da noch die Gleichsetzung von ehrlichem Maklertum mit Erweiterung der Politikoptionen. Diese Definition resultiert aus Rogers Gegenüberstellung des Advokaten mit dem ehrlichen Makler. Man kann sich aber auch ehrliches Maklertum vorstellen, das nicht unbedingt die Optionen erweitert.

Das alles läuft wahrscheinlich auf die Frage zu, was "ehrlich" ist und wer das bestimmt. Wenn es um öffentliche Glaubwürdigkeit geht, dann muss man mit den harten Tatsachen der Wissenspolitik rechnen, was du ja auch schreibst. Hier suchen sich Politiker die passende Expertise aus und spekulieren darauf, dass diese als legitim akzeptiert wird.

Werner Krauss said...

Reiner,

ich finde es völlig unerheblich, ob ein "ehrlicher Makler" in einer Partei oder Mitglied einer sozialen Bewegung oder ein Kapitän der Kohleindustrie ist. Weil irgendwas ist einfach jeder. Hauptsache, er oder sie ist glaubwürdig - was ich viel besser als "ehrlich" finde. Weil es ja auch nicht um "die Wahrheit" geht, sondern um das, was gerade machbar und zumutbar ist. Und wenn die Komissionen gut gemischt sind, dann hilft das auch viel, weil jeder sich dann erklären muss.
Dagegen, dass eine Regierung Gefälligkeitskomissionen einsetzt, gibt es prinzipiell keinen Schutz - außer, dass man es öffentlich macht. Das ist ja das Schöne an der Demokratie.

eduardo said...

Heutzutage werden einige sehr wichtige Entscheidungen nicht mehr von den Regierungen sondern von nicht gewählten Technokraten getroffen, z.B. in den westlichen Ländern, das Zinsniveau, obwohl diese Entscheidung gar keineswegs 'technisch' ist. Früher hatten die Regierungen selbst, über eine nicht-unabhängige Zentralbank, die Zinsrate festgelegt. Die Erfahrung aber zeigte, dass in den meisten Fällen, die Regierungen diese Macht missbraucht haben, und dass eine unabhängige Stelle 'bessere' Entscheidung treffen sollte. Und nun verlangen wir, dass die Regierungen die Höhe der CO2-Emissionen, weltweit, festlegen ? Eine durchaus viel schwierigere Entscheidung.

sil_beck said...

Um noch einmal auf Merkel's Ethikkommission zurückzukommen:
wird diese denn als glaubwürdig anerkannt? Wenn ja, warum?
Meine Erklärung wäre, weil Merkel versucht hat, alle betroffenen gesellschaftlichen Gruppen (von den Kirchen über Sozialverbände, NGO und die beiden bekannten Risikosoziologen U. Beck und O. Renn) an den Tisch zu holen (Sheila Jasanoff hat hierfür das Bild geprägt, dass diese Kommissionen einen Mikrokosmos der Gesellschaft darstellen).

Geht diese korporatistisch-inklusive Variante nicht auf Kosten der wissenschaftlichen Integrität? (Zur technischen Expertise gab es ja noch eine zweite Kommission).
Wie sieht es denn mit der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit der Kommission(vor allem der Experten aus den Verbänden) aus?

Und: Kann der Makler "honest" sein, wenn er nicht demokratisch rechenschaftspflichtig ist? D.H. wenn nicht transparent und offen gelegt wird, wie er rekrutiert wird, warum er welche Expertisen auswählt und andere nicht? Und warum er unter großen Unsicherheiten zu bestimmten Schlussfolgerungen kommt? Und wie es um die Qualität der Expertise bestellt ist.
Genau dieser Mangel an Transparenz wurde IPCC vom IAC und PBL zur Last gelegt.
Viele der deutschen Kommissionen teilen diese Eigenschaften - u.a. weil es in Deutschland keine dem Freedom of Information Act vergleichbaren Regelungen zur "information disclosure" gibt.
Die Enquetekommissionen des Bundestages, auf die sich Roger in der Regel bezieht, sind dem Bundestag rechenschaftspflichtig,
Merkel's Chef-Regierungsberater hingegen nicht. Das ist der kleine, aber feine Unterschied.

Im Fall von Merkel's Ethikkommissionen wurde das nicht mehr öffentlich thematisiert, weil man zum Tagesgeschäft übergegangen ist und die Ergebnisse nicht mehr wirklich für die politische Entscheidungsfindung relevant waren (eher symbolisch zur ex-post-Legitimation der Energiewende).

Reiner Grundmann said...

Werner, Silke:
man muss trennen zwischen nationalen und internationalen Beratungsgremien, wie dem IPCC.

Es mag sein, dass die Expertenkommissionen die deutsche Gesellschaft wiederspiegeln (und dass sie oft gesellschaftlich glaubwuerdig sind). Grundzuege sind das Bestreben nach Inklusion und Konsensorientierung. Deutsche TV Talkshows funktionieren uebrigens genauso.

Nun scheint es so zu sein, dass das IPCC diesem Modell wenigstens teilweise folgt. Das kann auf globaler Ebene nur zu Spannungen fuehren, vor allem in politischen Kulturen (civic epistemologies), die eher konfrontative Zuege aufweisen (wie die USA).

Es ist deshalb problematisch, globale Beratungsgremien nach einem nationalen Modell auszurichten.

Werner Krauss said...

@ Reiner

Interessant: wie saehe deen ein Modell fuer eine Komission aus, die auf einer konfrontativen civic epistemology beruht?

Reiner Grundmann said...

Nun, die USA veranschaulichen dies ja deutlich. Es gibt offenen Schlagabtausch zwischen Positionen; Komitee-Anhörungen im Parlament, zu denen Experten vorgeladen werden; und panels, die von Entscheidungsträgern einberufen werden.

In anderen demokratischen Laendern laeuft es so ähnlich ab, "koroporatistische" Länder (Deutschland, Österreich, Schweiz, Schweden, Norwegen, Japan) setzen auf gesellschaftlichen Konsens. Wenn diese Stile international koordiniert werden sollen, gibt es Spannungen. Als das IPCC gegründet wurde, hat man sich diese Fragen nicht bewusst vorgelegt. Die Strukturen, Regeln, und Verfahren wurden nach und nach entwickelt.
Im Endeffekt konnte der IPCC Konsens nicht dominieren. Die Konfrontation konnte nie vermieden werden. Das hat die Befürworter der Klimapolitik in eine nachteilige Lage gebracht (darauf habe ich u.a. in einem Artikel von 2007 hingewiesen, in dem ich das IPCC als kontraproduktiv fuer Klimapolitik einschätze)

Reiner Grundmann said...

In Grossbritannien gibt es momentan eine Diskussion ueber Wissenschaftsberatung und die Rolle der Chief Scientific Advisors (CSA). Hier ein Kommentar in Nature (paywalled - Science policy: Beyond the great and good. By Robert Doubleday & James Wilsdon), der die Vorzuege und Grenzen des Modells diskutiert.

Auch hier wird konsensuell und hinter verschlossenen Tueren verfahren. Der Aushandlungsprozess ist auf Ressortebene der Regierung, aber die CSA treten in den Medien und in der Oeffentlichkeit auf. D.h. sie formulieren und verteidigen die Regierungslinie.

Roger Pielke, Jr. said...

Hi All- An effort at "honest brokering" seeks to clarify (or if possible expand) the scope of choice. A consensus recommendation does not qualify, as it narrows choice to a single option. Enquete commissions are in principle consistent with an honest brokering approach, because they have diverse political representation, meaning that in principle a range of options could be presented. In practice, however such a committee could be used to generate a legitimate approach to advocacy -- the risk of course is that even with political diversity the resulting recommendation is viewed as expedient.

Doubleday and Wilsdon is indeed very good! Thanks!

hvw said...

Doubleday & Wilsdon for free:

https://docs.google.com/file/d/0B4_MG475eof6LTBWelVsczRtRlE/edit

EliRabett said...

Roger Pielke hat keine Ahnung von dem, was ein Mackler ist oder was er tut, ehrlich oder nicht. Aus seiner Sicht Sie darf nur die Namen und Standorte aller Restaurants in der Stadt sagen. Aber zu sagen, ein ist unter allen Umständen zu vermieden macht Sie ein "Restaurant Advocate". In einer solchen Welt gibt es keinen Platz für Wissen.

Hans von Storch said...

EliRabett - maybe it is easier to do this in English: Pielke is using indeed the restaurant-example in his book for explanation, and he would really not say "do not go there under any circumstances" - but he would say, if you go there, you may expect something most people do not like, such as Lebensmittelvergiftung in case you order mussels. (Because it could be that YOU would not go there under any circumstances, but others would possibly like it - depends what makes it in your normative system unacceptable. [I would not eat Pansen, under any circumstances.]) I would suggest that you read that part again, and try to reconcile my reading and your comment.

Also, your meaning of "Wissen" is not shared by all; actually I find your meaning narrow andunusable - Nico Stehr, for instance, considers the major quality of an explanation system to be named Wissen - its ability to get things in motion, of being a social force. This does not imply that it is right. (I share this understanding and terminology.)

Apropos "right" - would any scientist claim that a explanation or theory is "right" (apart of math), or merely "not falsified given our present knowledge; chances that the present Wissen may need at a later time some (maybe complete) revision is nonzero." Read Arrhenius' "Das Werden der Welten" (something like: worlds in the making) from about 1910, enjoy his explanations, of which most are accurate and have withstood the progress of knowledge of the past 100 years, but watch out how he deals with the functioning of the sun.

Hans von Storch said...

I just wrote "This does not imply that it is right." - Sorry, very sloppy of me. "Right" is not right here - "accurate", "valid", "will survive further falsification". Something like that would be better.

Hans von Storch said...

I just wrote "This does not imply that it is right." - Sorry, very sloppy of me. "Right" is not right here - "accurate", "valid", "will survive further falsification". Something like that would be better.

Hans von Storch said...

Those of you, who use the presence of certain books in someone's library for gesinnungspolizeiliche analyses - I refer to this book in my previous comment:

Arrhenius, S.A., 1908: Das Werden der Welten. Leipzig Akademische Verlagsanstalt m.b.H., 208 pp

EliRabett said...

No Eli means Wissen in the German sense, knowledge. Pielke admits no role for his "Honest Broker's" knowledge. The "Honest Broker" is forbidden to convey any evaluation to the client, but merely passes on a list, lest she become the dreaded "Issue Advocate". A Google map of eating places, without the reviews is his ideal.

He admits of no exemption for food poisoning after all, the report may be wrong. That is your "Issue Advocate" addition and, of course, is exactly why Pielke's definition is useless.

Your invocation of Arrhenius is interestingly difficult as he was writing at a very early time. He was writing one year before the nuclear structure of the atom was discovered, before anyone had any idea of the reason for IR absorption of molecules and much more. What he had to guide him were the results of a series of experiments. It was a time to be cautious, but even there you see the use of knowledge/experience as a guide. As to the workings of the sun, nothing was known about nuclear physics. His ignorance of the working of the sun and what he knew about the greenhouse effect were qualitatively different.

The base issue is can experts use their knowledge to advise policy makers. That means telling the policy makers what the consequences of various actions will be.

So, either you admit of the uses of knowledge or you don't. If you think not, Eli has a sky dragon book to send you, or maybe perhaps, you are of the Tolsian school which holds that expert knowledge should have no special role in deciding what policies should be followed.

Perhaps the best would be that you write in German and Eli in English, but both of our meanings were clear.

eduardo said...

I think that the question of what a honest broker should do is not that difficult: just put yourself in the shoes of a policy-maker and imagine the information you would like to have before taken a decision. I , for instance, would like that the honest broker displays all possible options first, and then dissect the consequences of all possible decisions, how they would branch in different scenarios, etc Steven Scheider explained it very clearly when dealing with his illness. He wanted the doctors to explain him what could happen if option a,b,or c was taken, which were the costs and benefits of each option. I think this is what everyone of us would like to hear from a honest doctor, and not, for instance, 'avoid those feeding habits because they are not vegetarian' - assuming the doctor is vegetarian. In the end, it would be an informed Schneider would take the decision, and not the doctors.

In the example of the restaurants, I would prefer Roger to tell me : this restaurant is much cheaper than the others, but, they are likely serving poisonous food - your choice.